Die Ziele von Gender Mainstreaming

Gender Mainstreaming ist kein Selbstzweck, sondern eine Strategie zur Verfolgung eines Ziels: der Gleichstellung von Frauen und Männern. Voraussetzung für die Umsetzung von Gender Mainstreaming ist, dass ein oder mehrere Gleichstellungsziele formuliert und verbindlich vorgegeben sind.

Die Übersetzung dieses globalen Ziels in konkrete und überprüfbare Handlungsziele für die jeweiligen Interventionsbereiche und Maßnahmen, also die Operationalisierung und fachliche Übersetzung von Zielen, ist ein zentraler Schritt in der Umsetzung von Gender Mainstreaming. 

Im Überblick: Der gleichstellungspolitische Bezugsrahmen des ESF 


Chancengleichheit oder Gleichstellung?

Die Begriffe Chancengleichheit und Gleichstellung werden oft synonym verwendet. Da Chancengleichheit häufig auf formale Chancengleichheit im Sinne von Gleichbehandlung reduziert wird, ist der Begriff der Gleichstellung vorzuziehen. Der Begriff Gleichstellung gibt das etwa in der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesverfassungsgerichts ausgedrückte Verständnis von Chancengleichheit als nicht rein formale, sondern als substantielle Chancengleichheit besser wieder.

Der Begriff Gleichstellung bezieht sich in der Regel auf die Gleichstellung von Frauen und Männern, wobei immer auch unterschiedliche Lebenslagen berücksichtigt werden, etwa soziale Schicht, Herkunft, Behinderung, Alter, sexuelle Orientierung.

Gleichstellung bedeutet in der Interpretation der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes:

  • Abbau von Benachteiligungen (Diskriminierungen),
  • gleiche Teilhabe (Partizipation) und
  • eine von tradierten Rollenmustern freie, selbstbestimmte Lebensgestaltung beider Geschlechter (echte Wahlfreiheit).

Quelle: GenderKompetenzZentrum

Auf EU-Ebene gibt es ausdifferenzierte Rechtsgrundlagen im Bereich der Gleichstellung von Frauen und Männern. Darüber hinaus geben der vom Rat der Europäischen Union verabschiedete "Europäische Pakt für die Gleichstellung der Geschlechter" und die "Strategie für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2010 bis 2015“ der Europäischen Kommission eine Orientierung, wie das Ziel der Gleichstellung von der EU-Kommission inhaltlich gefüllt wird. Die Gleichstellungsstrategie sieht sechs Aktionsbereiche vor:

  1. Gleiche wirtschaftliche Unabhängigkeit
  2. Gleiches Entgelt für gleiche und gleichwertige Arbeit 
  3. Gleichstellung in Entscheidungsprozessen
  4. Schutz der Würde und Unversehrtheit
  5. Gleichstellung in der Außenpolitik
  6. Querschnittsfragen (Geschlechterrollen, Rechtslage, Governance)


Pragmatische und strategische Ziele

Gender Mainstreaming wird häufig als Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen und Männern verstanden. Um mögliche Unterschiede jedoch nicht zu zementieren gilt es, nicht nur unterschiedliche Situationen und Bedürfnisse wahrzunehmen, sondern auch zu hinterfragen, was die Ursachen für diese Unterschiede sind, durch welche Mechanismen sie fortgeschrieben werden und welche Wirkungen sie auf Frauen und Männer haben.

Gender Mainstreaming beinhaltet deshalb immer eine pragmatische und eine strategische Perspektive.

In der pragmatischen Perspektive zielt Gender Mainstreaming auf die Kompensation von aktuellen Benachteiligungen und setzt primär auf der individuellen Ebene an. Pragmatisch ist bspw. die Qualifizierung von Frauen in traditionellen Frauenberufen sinnvoll, da hier der Nachfrage sowohl der Zielgruppe als auch des Arbeitsmarktes entsprochen wird, die Beschäftigungschancen also vorweg besser sind. Den betreffenden Frauen wird dadurch ein Berufseinstieg ermöglicht, gleichzeitig wird jedoch die Arbeitsmarktsegregation reproduziert.

Pragmatische Förderung dient dem Ausgleich von Benachteiligungen und der unmittelbaren Verbesserung der Lebenssituation der Betroffenen. Zur Verfolgung des Ziels der Gleichstellung ist der pragmatische Ansatz jedoch nicht ausreichend.

Die strategische Perspektive zielt langfristig auf die Verringerung struktureller Ungleichheiten – wie etwa der horizontalen und vertikalen Segregation des Arbeitsmarktes – bspw. durch den Einsatz von Maßnahmen, die auf Berufswahlprozesse von Mädchen und Jungen und Laufbahnplanung von Frauen abzielen oder die besondere Anstrengungen zur Einbindung von Frauen (oder Männern) in nicht geschlechtstypische Qualifizierungsmaßnahmen unternehmen.

Im Idealfall ergänzen sich beide Ansätze, da strategische Maßnahmen ohne die Berücksichtigung unmittelbarer Problemlagen und Hemmnisse zum Scheitern verurteilt sind, umgekehrt jedoch ausschließlich pragmatische Förderung langfristig zu kurz greift.

Gender Mainstreaming beinhaltet deshalb immer eine strategische Perspektive, die nicht nur pragmatisch auf Bedürfnisse insbesondere von Frauen – Bedürfnisse, welche aus bestehenden Benachteiligungen resultieren - eingeht, sondern auch die Strukturen in den Fokus nimmt, die Ungleichheiten hervorbringen.

Zum Beispiel

Pragmatische Bedürfnisse

Strategische Zielperspektive

Arbeitsplätze

Abbau der horizontalen und vertikalen Segregation des Arbeitsmarktes

Existenzsicherndes Einkommen

Gleiches Einkommen für gleichwertige Leistung

Teilzeitarbeitsplätze, um Familie und Beruf vereinbaren und einer Beschäftigung nachgehen zu können
Kinderbetreuungseinrichtungen (Erreichbarkeit, Öffnungszeiten, Qualität)

Gleiche Verteilung von Betreuungsarbeit auf Frauen und Männer
Gleiche Verteilung von Teilzeitarbeit auf Frauen und Männer
Keine Schlechterstellung durch Teilzeitarbeit (z.B. hinsichtlich der beruflichen Position)

Quelle: "Chancengleichheit im ESF"


Operationalisierung von Gleichstellungszielen

Die Operationalisierung eines globalen Gleichstellungsziels in konkrete handlungsleitende Ziele für Programme, Programmbereiche und Projekte ist ein zentraler Schritt in der Umsetzung von Gender Mainstreaming. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es unterschiedliche Arten von Zielen gibt: Teilhabeziele, Ergebnisziele und Wirkungsziele.
Wie die Erfahrung zeigt, werden Gleichstellungsziele in der Praxis oft auf Teilhabeziele (z.B. eine 50%-Quote) reduziert. Zur Förderung der Gleichstellung greift der ausschließlich auf Teilnahmeanteile gerichtete Blick jedoch zu kurz.

Gender Mainstreaming erfordert, für alle Vorhaben jeweils Wirkungsziele zu formulieren und daraus Ergebnis- und Teilhabeziele abzuleiten:  

  • Wirkungsziele beschreiben die angestrebte Wirkung von Programmen und Projekten auf das Interventionsfeld (z.B. Verringerung der Langzeitarbeitslosigkeit). Sie sind meist nur bedingt quantifizierbar und in der Regel qualitativ formuliert. Gender Mainstreaming erfordert die Formulierung von Gleichstellungszielen als pragmatische und strategische Wirkungsziele, welche die inhaltliche Ausrichtung von Programmen und Projekten leiten können (z.B. Abbau der horizontalen oder vertikalen Segregation auf dem Arbeitsmarkt, Verringerung der horizontalen Segregation im Bildungssystem usw.).
  • Ergebnisziele  Ergebnisziele legen fest, welche konkreten Ergebnisse ein Programm erzielen soll, um in Richtung der formulierten Wirkungsziele zu wirken.   Ergebnisziele können sich bspw. auf die zu erreichenden Bildungsabschlüsse oder Beschäf­tigungsaufnahmen beziehen. In gleichstellungsorientierter Hinsicht spielt dabei die Qualität des Bildungsabschlusses oder der Arbeitsmarktintegration eine wichtige Rolle, weshalb Ergebnisziele auch differenzierter formuliert und nicht auf pauschale quantitative Quoten reduziert werden sollten. Lautet ein Wirkungsziel bspw. Abbau der horizontalen Segregation des Arbeitsmarktes, so spielen nicht nur die Zahlen der Bildungsabschlüsse oder Verbleibs­quoten eine Rolle, sondern auch die Frage, wer von den Teilnehmenden welche Bildungs­abschlüsse erwerben oder in welchen Bereichen eine Beschäftigung aufnehmen konnte.
  • Teilhabeziele richten sich bspw. auf den Anteil von Frauen und Männern an den Vorhaben. Die häufig angestrebte 50%-Quote ist dabei in den meisten Fällen zu undifferenziert. Während eine solche Quote von 50 Prozent auf aggregierter Ebene lediglich die Normalverteilung abbildet (also Unterrepräsentation verhindert, aber in Abbildung eines Status Quo keinen aktiven Beitrag zur Gleichstellung leistet), kann sie für einzelne Maßnahmen, bei denen der Frauen- oder Männeranteil erfahrungsgemäß gering ist, zu hoch gegriffen sein.


Eine Arbeitshilfe der Agentur für Gleichstellung im ESF erläutert die Entwicklung und Konkretisierung von Gleichstellungszielen ausführlich anhand von Praxisbeispielen.



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Einführung GM (Gesamttext)


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In der Materialsammlung finden Sie ausgewählte Texte zu Grundlagen und Strategie von Gender Mainstreaming.